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HANDLUNGSMÖGLICHKEITEN

Änderung von Verschreibungspraktiken


Die Bereitstellung von Handlungsmöglichkeiten, die sich in den komplexen beruflichen Alltag integrieren lassen, ist für Ärztinnen und Ärzte, Apothekerinnen und Apotheker wesentliche Voraussetzung für einen eigenen Beitrag zur Problemlösung. Als wirkungsvolles Instrument bietet sich hier eine Umweltklassifikation für Arzneimittel an, deren Einführung in Deutschland empfohlen wird. Sie ermöglicht es, mithilfe eines einfachen Schemas die Umweltrisiken und -gefahren von Wirkstoffen zu vergleichen. Gibt es therapeutisch gleichwertige Alternativen, kann mit dieser Entscheidungshilfe der umweltverträglichere Wirkstoff verschrieben werden. Eine europaweite Einführung der Umweltklassifikation ist grundsätzlich sinnvoll, derzeit aber noch nicht absehbar. Ihre Einführung in Deutschland könnte einen starken Impuls in diese Richtung geben.

Das Klassifikationsschema sollte sich an den gültigen Richtlinien zur Umweltverträglichkeitsprüfung im Rahmen der europäischen Arzneimittelzulassung orientieren. Als ein besonderes Bewertungskriterium sollte überdies die Trinkwasserrelevanz der Wirkstoffe berücksichtigt werden. Langfristiges Ziel wäre es, alle auf dem deutschen Markt gehandelten Wirkstoffe zu klassifizieren. Zum Aufbau der Liste empfiehlt es sich, mit den bis heute in Gewässern nachgewiesenen Wirkstoffen zu beginnen. Eine Empfehlungsliste, die Wirkstoffe mit besonders guten Umwelteigenschaften enthält, kann die Klassifikation sinnvoll ergänzen. Die Umweltklassifikation sollte unter Einbeziehung der Arzneimittelhersteller durch eine unabhängige Institution erstellt und gepflegt werden. Eine Anlehnung an das in Schweden bereits etablierte System wird empfohlen. Damit eine Umweltklassifikation auf Akzeptanz bei Ärztinnen und Ärzten, Apothekerinnen und Apothekern stößt, muss sie sich leicht in den Praxisalltag einbinden lassen. Eine Aufnahme der Umweltklassifikation in einschlägige Nachschlage- und Empfehlungswerke sowie Informationssysteme ist daher anzustreben (zum Beispiel in die Rote Liste® oder in bestehende Software zur Medikamentenauswahl). Die Einführung der Klassifikation sollte von angemessenen Informationsmaterialien und Beratungsangeboten begleitet werden.

Ein Großteil des Medikamentenkonsums geht auf Erkrankungen zurück, die unmittelbar mit einer ungesunden Lebensweise zusammenhängen. Ein Beitrag zur Senkung des Arzneimittelverbrauchs und gleichzeitig zur Stärkung der Gesundheitsvorsorge ist die Anregung und Unterstützung der Ärzteschaft bei der Verschreibung nicht-medikamentöser, generell gesundheitsfördernder Therapieformen. Voraussetzung dafür ist, dass ein solches "Rezept für eine gesunde Lebensweise" von den Krankenkassen auch anerkannt wird, das heißt es muss in die sogenannte "Vordruckvereinbarung" aufgenommen werden. Beispiele für solche Therapieformen sind Bewegungssport, Rückentraining oder professionelle Unterstützung bei der Veränderung von Ernährungsgewohnheiten. Erfahrungen aus Schweden belegen, dass Patientinnen und Patienten solche Verordnungen annehmen. Denn die Aushändigung eines regulären Rezeptes schafft eine größere Verbindlichkeit als die bloße Empfehlung zur Verhaltensänderung im Arzt-Patientengespräch. Zudem kann dadurch die bei Patientinnen und Patienten verbreitete Erwartungshaltung gegenüber Ärztin oder Arzt aufgenommen werden, "etwas" zu verordnen ("Rezept-Wunsch"). Entsprechende Pilotversuche werden in Deutschland bereits durchgeführt, wie beispielsweise die Kampagne der Landesärztekammer Hessen "Fit und gesund mit dem ‚Rezept’ für Bewegung". Andere Initiativen der Krankenkassen sind eher auf Prävention ausgelegt und setzten auf Bonusprogramme: Sie bieten Vergünstigungen an, wenn bestimmte, gesundheitsfördernde Angebote wahrgenommen werden.

Eine weitere Möglichkeit, den therapeutisch nicht notwendigen Arzneimittelverbrauch zu senken, ist die Erhöhung der Zuzahlung bei verschreibungspflichtigen Präparaten. Diese Option wird seit langem immer wieder als geeignetes Instrument zur Steigerung der Kosteneffizienz im Gesundheitssystem diskutiert. Das neue Argument einer zunehmenden Gewässerbelastung durch Arzneimittelwirkstoffe könnte bei seiner Einführung unterstützend herangezogen werden. Für ein derartiges "Demandside Management" müssten unterschiedliche soziale Gruppen in verschiedener Weise angesprochen werdenden. In jedem Falle wären spezielle Härtefallregelungen für chronisch Kranke und sozial schwache Patientinnen und Patienten zu beachten. Eine Erhöhung der Zuzahlung könnte schließlich auch einen Beitrag zur Vermeidung des "Ansammelns" von Arzneimitteln in Privathaushalten und damit zur Verringerung von Arzneimittelabfällen leisten.

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Humanarzneimittelwirkstoffe:

Handlungsmöglichkeiten zur Verringerung

von Gewässerbelastungen
Eine Handreichung für die Praxis

(download)

 

 

 

   

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Stand 12.02.2009