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HANDLUNGSMÖGLICHKEITEN

Entsorgung von Altarzneimitteln


Die unsachgemäße Entsorgung von Altarzneimitteln über Ausguss und Toilette findet in Deutschland in relevantem Umfang statt. Dies hat eine bevölkerungsrepräsentative Befragung im Rahmen von start ergeben (siehe Abschnitt). Hauptgrund für dieses Entsorgungsfehlverhalten ist: In Deutschland gibt es keinen einheitlichen Entsorgungsstandard und keine einheitliche, aktive Kommunikationsstrategie zur sachgemäßen Entsorgung von Altarzneimitteln. Die Empfehlungen von Entsorgungsbetrieben, Kommunen und Bundesländern unterscheiden sich zum Teil erheblich. Sie reichen von der Abgabe bei Schad- beziehungsweise Problemstoffsammelstellen über die Entsorgung mit dem Hausmüll bis zur Rückgabe in Apotheken. Die so entstehende Unsicherheit in der Bevölkerung über die richtige Art der Entsorgung gewinnt angesichts der hohen Recyclingbereitschaft der Deutschen zusätzlich an Bedeutung. Denn offenbar werden die aufgebauten Routinen der Abfalltrennung teilweise unbesehen auf Arzneimittelabfälle übertragen. Das bedeutet beispielsweise: Um das Arzneimittelfläschchen im Glascontainer entsorgen zu können, muss es vorher entleert werden – wofür dann nur der Ausguss oder die Toilette bleibt. Verstärkt wird dieses Verhalten durch den mangelnden Wissenstand in der Bevölkerung über die möglichen Folgewirkungen einer Gewässerbelastung durch Arzneimittelrückstände.

Die Einführung eines bundesweit und nach Möglichkeit EU-weit einheitlichen und verbindlichen Entsorgungsstandards für Altarzneimittel ist daher geboten. Empfohlen wird die in Deutschland bereits etablierte Rückgabe von nicht mehr benötigten Arzneimitteln in den Apotheken. Voraussetzung dafür ist, dass die Apotheken die Restbestände auch weiterhin freiwillig und kostenfrei entgegennehmen. Wie die empirischen Untersuchungen in start gezeigt haben, sind die Apotheken grundsätzlich bereit, die Annahme von Altarzneimitteln auch künftig als zusätzlichen Kundenservice anzubieten. Um die Akzeptanz bei den Apotheken weiter zu erhöhen, ist jedoch eine Vereinfachung des Rücknahmesystems für das Apothekenpersonal sinnvoll. Gegenwärtig übernehmen die Apothekerinnen und Apotheker die Aufgabe der Wertstofftrennung.* Diese sollte künftig vom Betreiber des Rücknahmesystems geleistet werden. Eine praktische Möglichkeit ist es, in den Apotheken kostenlos spezielle Beutel zu verteilen, in denen die Kunden ihre Altarzneimittel zurückbringen. Kann der Behälter, der vom Betreiber des Rücknahmesystems entleert wird, im Kunderaum aufgestellt werden, könnten die Kundinnen und Kunden ihre gefüllten Beutel sogar selbst dort einwerfen.

Nach geltendem Gesetz sind Arzneimittel bis auf wenige Ausnahmen wie Zytostatika kein Sondermüll und können daher grundsätzlich mit dem Hausmüll entsorgt werden. Da zudem der Hausmüll in Deutschland heute zu fast 100 Prozent verbrannt wird, ist diese Art der Entsorgung auch aus Umweltgesichtspunkten unproblematisch. Auch wenn diese Lösung für die Bürgerinnen und Bürger im wahrsten Sinne des Wortes "näher" liegt, ist sie kritisch zu betrachten. Unter Vorsorgegesichtspunkten sollte zum einen die mögliche Gefährdung Dritter – zum Beispiel spielende Kinder – ernst genommen werden. Heute werfen nur gut 7 Prozent der Deutschen ihre alten Medikamente immer in den Hausmüll. Sollte sich diese Zahl in Zukunft deutlich erhöhen, wächst das Risiko, dass diese Altlasten auch einmal in die falschen Hände geraten. Hinweise, wie dem vorgebeugt werden könnte – etwa durch Einwickeln der alten Tabletten in Zeitungspapier – sind schwer zu kommunizieren und ihre wirksame Befolgung kaum zu gewährleisten. Zum anderen sind in den letzten Jahren in den meisten Mitgliedsländern der Europäischen Union – zum Teil wegen der gültigen Rechtslage (siehe Seite 13) – Sammelsysteme aufgebaut worden. Die Favorisierung einer Entsorgung über den Hausmüll in Deutschland würde einer EU-weit einheitlichen Lösung entgegenwirken.

Bisher geben nur knapp ein Drittel der Bundesbürgerinnen und Bundesbürger ihre nicht mehr benötigten Medikamente immer in der Apotheke zurück. Um diese Zahl zu steigern und einer unsachgemäßen Entsorgung entgegenzuwirken, sollte eine breit angelegte, professionell geplante und gestaltete Kampagne zur Aufklärung der Bevölkerung durchgeführt werden. Da die Rückgabe in Apotheken bereits lange als Entsorgungsmöglichkeit eingeführt ist, kann hier kommunikativ leicht angeknüpft werden. Dem Gewässerschutz sollte in einer solchen Kampagne eine herausgehobene Bedeutung zukommen. Dabei sind die individuellen Handlungsmöglichkeiten als positive Erfahrungen zu vermitteln, ohne womöglich vorhandene Ängste zu verstärken. Zudem sollten die Patientinnen und Patienten ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass generell alle Altarzneimittel – verschreibungspflichtige und frei verkäufliche – in der Apotheke zurückgegeben werden sollen.

Unterstützend sollte standardmäßig auf Arzneimittelverpackungen sowie auf der Packungsbeilage ein entsprechender Hinweis zur richtigen Entsorgung von Medikamenten aufgedruckt werden. Eine Maßnahme, die in den entsprechenden EU-Richtlinien und auch im Deutschen Arzneimittelgesetz bereits vorgesehen ist, aber bisher nicht konsequent umgesetzt wird. Hier sollten auch die Arzneimittelhersteller proaktiv tätig werden.

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Humanarzneimittelwirkstoffe:

Handlungsmöglichkeiten zur Verringerung

von Gewässerbelastungen
Eine Handreichung für die Praxis

(download)

 

 

 

   

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Stand 12.02.2009