Inhaltsverzeichnis

Zurück zum Kapitel

 

 

 

 

 

 

 

UMSETZUNGSPERSPEKTIVEN

Handlungsfeld "Arzneimittelentwicklung"


Von besonderer Bedeutung für die Durchsetzung der neuen Gestaltungsprinzipien ist die Tatsache, dass das "Greening" von Molekülen grundsätzlich auf alle Chemikalien angewendet werden kann – wobei besonders solche von Interesse sind, die bestimmungsgemäß oder aufgrund ihrer offenen Anwendung in die Gewässer gelangen (zum Beispiel Reinigungsmittel, Pflanzenschutzmittel und Körperpflegemittel). Eine Orientierung an grünen Produktinnovationen wurde aber auch in der chemischen Industrie bisher kaum zum Kernelement einer nachhaltigen Unternehmensführung gemacht. Von verschiedenen Seiten wurde jedoch betont, dass eine solche Vorgehensweise zukunftsweisend ist. Die Enquête-Kommision des 12. Deutschen Bundestags "Schutz des Menschen und der Umwelt" entwickelte schon 1994 Perspektiven für einen nachhaltigen Umgang mit chemischen Stoffen, indem die Bedeutung einer umweltverträglichen Gestaltung von Chemikalien für eine nachhaltige Entwicklung betont wurde. Das Europäische Parlament und die Europäische Kommission haben im sechsten Umweltaktionsprogramm unter anderem das Teilziel formuliert, innerhalb einer Generation Chemikalien nur so zu erzeugen und zu verwenden, dass sie keine negativen Auswirkungen auf die Umwelt haben. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung rechnet mittel- bis langfristig mit einer Zunahme von Innovationen und steigenden Wettbewerbsvorteilen auf Märkten für umwelt- und gesundheitsfreundliche Produkte.

Bei einer Abschätzung der Kosten einer Etablierung und Umsetzung der neuen Gestaltungsprinzipien ist zu berücksichtigen, dass die Entwicklung neuer Wirkstoffe in verschiedenen Indikationsgruppen dringend ansteht. Investitionen in der Wirkstoffentwicklung sind also ohnehin notwendig. Die Berücksichtigung grüner Optionen ist dabei im Vergleich zum Gesamtaufwand kaum mit relevanten Zusatzkosten verbunden.* Die Hauptkosten fallen im Sinne der vorgestellten Handlungsmöglichkeiten in der Forschungsförderung an. Diese kommen jedoch der Stärkung der Spitzentechnologie in der pharmazeutischen Forschung und ihrer nachhaltigen Ausrichtung zugute. Die aufzulegenden Programme, die sich gleichermaßen an die Hochschul- und Industrieforschung richten, wären dabei von der Wirtschaft und der öffentlichen Hand gemeinsam zu tragen. Um überzeugende Ergebnisse zu erzielen, müsste sich eine solche Phase der intensiven Forschungsförderung nach Experteneinschätzung über einen Zeitraum von zehn bis 15 Jahren erstrecken.

Mit der Förderung nachhaltiger Gestaltungsprinzipien und dem damit verbundenen Einsatz neuer Technologien kann ein grundlegend anderes Verständnis für Innovationen in der Pharmabranche erzeugt werden. Die Strategie einer "Nachhaltigen Pharmazie" soll dabei als eine langfristige Forschungsstrategie beziehungsweise als Leitbild in der forschenden Pharmaindustrie etabliert werden. Dies stellt eine große Herausforderung dar. Denn einerseits ist dafür im Gegensatz zu heute eine deutlich langfristigere Handlungsorientierung im Bereich Forschung und Entwicklung notwendig. Andererseits befindet sich die pharmazeutische Industrie derzeit in einer Innovationskrise. In dieser Situation besteht die Gefahr, dass langfristige Entwicklungsperspektiven gegenüber Maßnahmen zur Erfüllung kurzfristiger Renditeerwartungen zurücktreten. Dabei liegt – sowohl für die chemische als auch für die pharmazeutische Industrie – gerade in einer Strategie, die auf nachhaltige Gestaltungsprinzipien setzt, ein zukunftsweisender Ausweg aus der Krise. Denn auf diese Weise ist eine weltweite Produktverantwortung möglich, da die grünen Wirkstoffe und Chemikalien mit geringeren Folgen für Mensch und Umwelt auch in Regionen eingesetzt werden können, in denen keine oder eine technisch nicht weit entwickelte Abwasserreinigung vorhanden ist.

* Bei diesem Argument ist zu beachten, dass im Allgemeinen die Kosten eines neuen Arzneimittels bis zur breiteren Markteinführung zu zwei Dritteln durch das Marketing und nur zu einem Drittel durch die Wirkstoffentwicklung selbst verursacht werden.

zurück zum Kapitel

 

 

 

Humanarzneimittelwirkstoffe:

Handlungsmöglichkeiten zur Verringerung

von Gewässerbelastungen
Eine Handreichung für die Praxis

(download)

 

 

 

   

Impressum
Stand 12.02.2009