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UMSETZUNGSPERSPEKTIVEN

Handlungsfeld "Umgang mit Arzneimitteln"


Ein wesentlicher Teil der identifizierten Handlungsmöglichkeiten zielt auf die Erzeugung von Problembewusstsein, die Bereitstellung von Informationen und die Schaffung von Motivationen, um Verhaltensänderungen im Umgang mit Arzneimitteln zu bewirken. Neben ihrer Bedeutung für die Umsetzung von ganz praktischen Maßnahmen wie die Verwendung einer Umweltklassifikation im beruflichen Alltag, haben diese Aktivitäten auch eine übergeordnete Bedeutung: Sie können positiv auf die Gesamtwahrnehmung der Problematik wirken und dadurch die Umsetzung von Maßnahmen in den anderen Handlungsfeldern befördern. In welchem Maße und in welchem Zeitraum praktisch wirksame Verhaltensänderungen etwa bei Ärztinnen und Ärzten möglich sind, lässt sich nur schwer abschätzen. Erfahrungen aus Schweden zeigen, dass die dort 2004 eingeführte Umweltklassifikation heute von einer Mehrheit der Ärztinnen und Ärzte berücksichtigt wird. Auf Deutschland lassen sich diese Erfahrungen nur bedingt übertragen. Zu befürchten ist, dass angesichts der beklagten Überregulierung des beruflichen Alltags ein solches Instrument als zusätzliche Belastung empfunden wird. Eine Perspektive bietet hier der anstehende "Generationenwechsel" in den Praxen, der angesichts der Altersstruktur bei den Ärztinnen und Ärzten vermutlich in den nächsten zehn Jahren vollzogen sein wird. Wird das Thema bereits intensiv in die Hochschulausbildung integriert, kann die Akzeptanz für eine Umweltklassifikation und andere Handlungsmöglichkeiten in der Praxis erhöht werden.

Die diskutierten Handlungsmöglichkeiten zur Änderung von Verschreibungspraktiken und zur Vermeidung von Arzneimittelabfällen können, im Zusammenwirken mit übergreifenden Reformmaßnahmen im Gesundheitssystem, zu einem rationelleren Arzneimittelgebrauch beitragen. Auch hier ist es kaum möglich, auf Basis verfügbarer Daten verlässlich abzuschätzen, welche Arzneimittelmengen bei gleich guter Versorgung – etwa durch die vermehrte Verschreibung nicht-medikamentöser Therapieformen* – eingespart werden können. Zu berücksichtigen ist, dass die vorgestellten Instrumente nicht bei allen Wirkstoffgruppen gleichermaßen greifen. Die Verbrauchsmengen von Zytostatika, aber auch von Diagnostika (zum Beispiel Röntgenkontrastmittel), werden davon vermutlich weitgehend unberührt bleiben. Eine grobe Abschätzung, wie stark der Eintrag von Arzneimittelwirkstoffen in die häuslichen Abwässer aufgrund unsachgemäßer Entsorgung verringert werden kann, lässt sich dagegen eher vornehmen. Schätzungen über die jährliche Menge des Arzneimittelabfalls liegen zwischen 10 und 20 Prozent der Gesamtverbrauchsmenge – was bei 38.000 Tonnen pro Jahr (2001) im Mittel rund 6.000 Tonnen entspricht. Werden die Zahlen der start-Befragung zum Entsorgungsverhalten der Deutschen zugrunde gelegt, gehen davon vermutlich rund 1.000 Tonnen direkt über Spüle und Toilette in die häuslichen Abwässer – eine Zahl, die sich durch die ermittelten Handlungsmöglichkeiten zur Verbesserung der Entsorgung mittelfristig deutlich reduzieren lassen wird.

Die entstehenden direkten Kosten bei einer Umsetzung der diskutierten Handlungsmöglichkeiten werden sich in einem vergleichsweise überschaubaren Rahmen halten, da kommunikative Maßnahmen und das "Capacity Building" im Vordergrund stehen: Die Realisierung der Diskursangebote und die Ergänzung der beruflichen Fortbildung für Ärzte und Apothekerinnen sowie die Durchführung von Aufklärungskampagnen zur sachgerechten Entsorgung von Altarzneimitteln werden sich nach ersten Schätzungen auf deutlich unter zehn Millionen Euro jährlich belaufen – wobei unterschiedlich lange Investitionszeiträume zu berücksichtigen sind.

* In diesem Zusammenhang muss bedacht werden, dass die Verschreibung nicht-medikamentöser Therapieformen zunächst nicht unbedingt zu einer unmittelbaren finanziellen Entlastung des Gesundheitssystems beiträgt, da auch Badekuren und Krankengymnastikkurse Kosten verursachen. Durch ihren langfristigen Beitrag zur Gesundheitsvorsorge sind eventuelle Mehraufwendungen volkswirtschaftlich vermutlich aber neutral zu werten.

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Humanarzneimittelwirkstoffe:

Handlungsmöglichkeiten zur Verringerung

von Gewässerbelastungen
Eine Handreichung für die Praxis

(download)

 

 

 

   

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Stand 12.02.2009