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WISSENSSTAND

Welche Gefahren bestehen für die Umwelt?


Der Wissensstand zu möglichen Gefährdungen der Tier- und Pflanzenwelt durch das Vorkommen von Arzneimittelwirkstoffen in der Umwelt ist aktuell noch sehr begrenzt. Ökotoxikologische Studien liegen bisher erst für wenige Substanzen vor. Grund dafür ist nicht allein die große stoffliche Vielfalt, sondern vor allem die Tatsache, dass aussagekräftige Ergebnisse nur mit Langzeitstudien erzielt werden können. Die Ermittlung solcher chronischen Effekte ist aber mit einem erhöhten zeitlichen und finanziellen Aufwand verbunden. Unmittelbar, also akut toxisch für Wasserlebewesen sind die meisten der bisher untersuchten Arzneimittelwirkstoffe erst bei Konzentrationen, die deutlich oberhalb aktueller Messwerte in Gewässern liegen.

Das Beispiel des in den meisten hormonellen Verhütungsmitteln eingesetzten Wirkstoffs Ethinylöstradiol (EE2) zeigt jedoch, dass auch bei gewässerüblichen Konzentrationen Gefahren für die Tierwelt auftreten. EE2 kommt in Oberflächengewässern in Konzentrationen von wenigen Nanogramm pro Liter vor. Nachgewiesen ist, dass EE2 wegen seines hohen östrogenen Potenzials in diesen Konzentrationen ein wesentlicher Faktor ist, der zur beobachteten Verweiblichung von männlichen Fischen beiträgt, die ihren Lebensraum in der Nähe von Kläranlagenabläufen haben. Grundsätzlich kann nach dem heutigen Wissenstand nicht ausgeschlossen werden, dass einzelne Tier- und Pflanzenarten besonders empfindlich auf einen bestimmten Wirkstoff in umweltüblichen Konzentrationen reagieren. Dies zeigt das inzwischen vielfach diskutierte Beispiel des Antirheumatikums Diclofenac, das in Pakistan und Indien zum fast vollständigen Aussterben von drei wichtigen Geierarten geführt hat. Sie hatten sich von verendeten Rindern ernährt, die mit dem Mittel behandelt worden waren.

Eine umfassende Gefahrenabschätzung für die Tier- und Pflanzenwelt steht vor grundlegenden Schwierigkeiten. Von besonderer Bedeutung ist dabei das Problem der sogenannten "Cocktaileffekte": In der Regel sind Lebewesen in der Umwelt mehreren Arzneimittelwirkstoffen und anderen Chemikalien gleichzeitig ausgesetzt; nach dem aktuellen Forschungsstand addieren sich dabei die Wirkungen der einzelnen Stoffe, sofern sie den gleichen Wirkmechanismus aufweisen. Wie solche Cocktaileffekte in der Gefahrenabschätzung angemessen berücksichtigt werden können, ist bisher aber noch unklar. Weiter erschwert wird die Gefahrenabschätzung durch die zahlreichen Abbauprodukte von Arzneimittelwirkstoffen, die im menschlichen Körper, in der Kläranlage oder in den Gewässern selbst entstehen. Über ihre toxikologischen Eigenschaften ist so gut wie nichts bekannt.

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Humanarzneimittelwirkstoffe:

Handlungsmöglichkeiten zur Verringerung

von Gewässerbelastungen
Eine Handreichung für die Praxis

(download)

 

 

 

   

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Stand 12.02.2009